Rede des u-asta-Vorstands zur Eröffnung des akademischen Jahres
Liebe Studierende,
sehr geehrte Damen und Herren,
„Humboldt würde in Freiburg studieren“, so betitelte das Rektorat vorgestern seine Pressemitteilung zum Sieg beim Bundeswettbewerb „Exzellente Lehre“. Zukünftig wird sich die Uni Freiburg neben exzellenter Forschung also auch der Exzellenz in der Lehre rühmen. Doch ob das in Berlin vom Stifterverband ausgezeichnete Freiburger Konzept unter dem Titel „Freiräume für das Studium“ tatsächlich Humboldts universitärem Ideal genügen kann, das möchte ich bezweifeln.
Das humboldtsche Bildungsideal entwickelte sich um die zwei zentrale Begriffe der bürgerlichen Aufklärung:
- den Begriff des autonomen Individuums und
- den Begriff des Weltbürgertums.
Demnach soll die Universität ein Ort sein, an dem autonome Individuen und Weltbürgerinnen und -bürger hervorgebracht werden oder genauer gesagt, sich selbst hervorbringen.
Ich möchte den aktuellen Slogan des Rektorats zum Anlass nehmen, die studentische Lebenswelt der Universität Freiburg anhand einiger beispielhafter Punkte an Humboldt’s Anspruch zu messen.
Zunächst also zum Begriff des autonomen Individuums. Dieses soll ein Individuum sein, das Selbstbestimmung und Mündigkeit erlangt, indem es sich seines eigenen Verstandes bedient.
Mündigkeit erlangt man üblicherweise durch einen gewissen Grad der Reife. Der Nachweis eines solchen Grades ist im Bildungsbereich z.B. die Allgemeine Hochschulreife, oder kurz: das Abitur. Dieses erlangt man, hat man sich zuvor erfolgreich seines Gedächtnisses und zumindest ein wenig auch seines Verstandes bedient.
Ab dem Wintersemester 2011/12 wird sich das allerdings ändern. Denn ab dann müssen in Baden-Württemberg zusätzlich zum Abitur Studierfähigkeitstests absolviert werden, möchte man zum Universitätsstudium zugelassen werden. Ob diese ein aussagekräftigeres Reifezeugnis abgeben werden, das auch nur annähernd im Verhältnis zum organisatorischen und finanziellen Aufwand stehen wird, bezweifle nicht nur ich, sondern wie ich weiß, auch einige von Ihnen.
Ein autonomes Individuum zeichnet sich vor allem auch durch Selbstbestimmung aus. An diesem Punkt stellt der geplante „Indietrack“, wie er in das Konzept zur Exzellenz in der Lehre eingearbeitet wurde, tatsächlich eine Emanzipation dar. Er wird zunächst 100 Studierenden die Möglichkeit bieten, ein Jahr lang nach freier Fächerwahl zu studieren und so eigenverantwortlich Schwerpunkte zu setzen.
Was aber nützt einem Studierenden diese wissenschaftliche Freiheit im 3. Studienjahr, wenn er oder sie vorher nie intellektuell dazu befähigt wurde, diese Freiheit in alle Richtungen auszuschöpfen?
Kritische Theorie als wissenschaftliche Anleitung zum kritischen Denken ist aus dem Freiburger Studienalltag nahezu verbannt worden. Studierende der VWL hören nichts mehr über Marx, jene der Rechtswissenschaft erfahren nichts über kritische Rechtstheorie und die NaturwissenschaftlerInnen beschäftigen sich kaum mit den ethischen Aspekten ihres Wirkens.
Selbstbestimmung setzt nicht zuletzt auch ein gewisses Maß an Mitbestimmung voraus. An den Universitäten Baden-Württembergs ist studentische Mitbestimmung leider ein ganz schwieriges Thema.
Seit dem die Landesregierung 1977 die Verfassten Studierendenschaften verboten hat, darf sich der offizielle ASTA nur noch mit musischen, sportlichen und kulturellen Angelegenheiten befassen. Die heutige Studierendenvertretung hat keine Finanz- und keine Satzungsautonomie. Das führt dazu, dass der Freiburger ASTA nur einen Bruchteil des Budgets bekommt, das Studierendenvertretungen in anderen Bundesländern zur Verfügung haben. Alle Ausgaben des ASTA müssen vom Rektor bewilligt werden. Und über seine Satzung entscheidet der Senat.
Der ist natürlich – wie alle anderen wichtigen Gremien der Universität – mehrheitlich mit Professoren und Professorinnen besetzt. Der u-asta ermöglicht uns Studis im rechtlichen Graubereich zwar eine hochschulpolitische Vertretung, aber gegen die allgegenwärtige Überrepräsentation der anderen Statusgruppen kann er nichts ausrichten. Selbstbestimmung für Studierende heißt daher auch Wiedereinführung der Verfassten Studierendenschaft und mindestens paritätische Besetzung der Gremien.
In diesem Zusammenhang möchte ich am Rande auch erwähnen, dass die Studierenden wiederholt als einzige Statusgruppe in der Lage waren, die gewünschte Geschlechterquotierung zu erfüllen.
Nach Humboldt soll eine Universität neben autonomen Individuen, wie gesagt, auch Weltbürgerinnen und –bürger schaffen.
Weltenbürger sind Menschen, die sich möglichst umfassend mit der Welt beschäftigen. Sie sollen sich mit den großen Menschheitsfragen auseinandersetzen, mit Frieden, Gerechtigkeit, kulturellem Austausch, Geschlechterverhältnissen usw.
Deswegen soll die universitäre Bildung – ganz im Gegensatz zu dem, was heute proklamiert wird – nicht berufsbezogen, sondern unabhängig von wirtschaftlichen Interessen sein. Spätestens seit Einführung der Studiengebühren entwickelt sich die universitäre Ausbildung genau in die entgegengesetzte Richtung. Das Land möchte, dass Studierende als Kunden ihrer Universität wahrgenommen werden. Im selben Zug sollen sie schneller studieren, d.h sich auf wesentliche Inhalte beschränken. Und was wesentlich ist, das entscheidet der Arbeitsmarkt.
Die Studierenden folgen dem notgedrungen, schließlich müssen viele irgendwann Bafög oder Studienkredite zurückzahlen. Unter dieser Prämisse muss universitäre Ausbildung in erster Linie wirtschaftlich verwertbar sein. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Universität langfristig auf die Schließung „unrentabler“ Studiengänge zusteuert. Ich denke nicht, dass Humboldt das gefallen würde.
Denn Humboldt fordert akademische Freiheit. Dazu muss die Universität unabhängig von äußeren Einflüssen sein. Sie muss sich staatlicher Bevormundung entziehen und für wirtschaftliche Unabhängigkeit sorgen. Auch bei diesem Punkt steht die Uni Freiburg nicht besonders gut da.
Wie alle anderen Universitäten Baden-Württembergs unterwarf sich die Uni Freiburg den Solidarpakten I und II, die sich bei näherer Betrachtung als „Pakt mit dem Teufel“ erweisen.
Die vom Land versprochene Planungssicherheit erkauften die Universitäten sich teuer mit Stellenabbau und einer Festschreibung der Haushaltszuweisungen auf dem Stand von 1996. Ohne Inflationsausgleich. So wird bis Ende der Laufzeit 2014 allein die Inflation 30% des ursprünglichen Budgets neutralisieren. Und das bei steigenden Energiekosten und Studierendenzahlen.
Dass auch Studiengebühren dieses strukturelle Defizit nicht ausgleichen können, hat die Uni Freiburg schon vor langer Zeit erkannt. In einer Resolution des Senats vom 26. April 1995 lehnt sie die Einführung von Studiengebühren deswegen ab. Die Begründung: Studiengebühren können die Probleme an den Hochschulen nicht lösen. Ihre Finanzierung muss eine gesellschaftliche Aufgabe sein und bleiben.
Diese Position vertreten an unserer Uni heute leider nur noch der u-asta und der Mittelbau. In der Senatssitzung am 21.3.2007 wurde noch kontrovers darüber diskutiert, ob man Umschichtungen zu Lasten von Studiengebühren vermeiden sollte. Doch schon damals sah das Rektorat keinen anderen Weg zur Erhaltung seiner Handlungsfähigkeit. Zusätzliche Belastungen wie auslaufende Anschubfinanzierungen haben die Situation seither noch verschlimmert.
Trotzdem lässt sich die Dramatik der durchaus komplexen Lage nach außen nur sehr schwer vermitteln. Meiner Meinung nach erfordert die Situation Aufklärung im zweifachen Sinne. Die Universität sollte der Öffentlichkeit erklären, wieso eine nunmehr doppelt exzellente Universität in finanzielle Unmündigkeit geraten ist und eine Ausgabensperre beschließen musste.
Gleichzeitig sollte es ihr nicht an Entschließung und Mut mangeln im Interesse aller Universitätsangehörigen beim MWK endlich mit Nachdruck für eine solide Hochschulfinanzierung einzutreten.
Für Humboldt zählt neben der Freiheit der Universität von staatlichen und wirtschaftlichen Zwängen auch die innere Unabhängigkeit. Das bedeutet z.B. freie Studienwahl und freie Studienorganisation.
Ganz ähnliche Ziele stecken auch hinter der Bologna-Idee. Doch die vermeintliche Umsetzung dieses Plans, wie sie mit der Umstellung der Studiengänge auf BA und MA erfolgte, ist in den meisten Fällen überhaupt nicht gelungen.
Anstatt die frisch ermögliche Flexibilität zu nutzen und neue Lehrkonzepte einzuführen, kondensierten viele der Freiburger Fakultäten die alten Diplom- und Magisterstudiengänge in verschulte 6-Semester-Pakete. Neues Etikett drauf, und fertig. Für diese teilweise kaum studierbaren Studienpläne ist auch der preisgekrönte Indietrack keine Lösung.
Allerdings wünsche ich mir, dass die enge Zusammenarbeit mit Studierenden, die laut Herrn Professor Schanz den Erfolg beim Wettbewerb „Exzellenz in der Lehre“ erst ermöglicht hat, auch an anderer Stelle weitergeführt wird. Die Studierenden, die heute unter stümperhaft konzipierten Studienordnungen leiden, hatten bei der Ausarbeitung in der Regel kein Mitspracherecht. Ich möchte deswegen an die Fakultäten appellieren, wenigstens bei den jetzt notwendigen Nachbesserungen die Studierenden des Fachbereichs miteinzubeziehen.
Dasselbe muss natürlich für die bald anstehende Modularisierung des Lehramtsstudiums gelten.
Auch wenn der Bezug auf Humboldt in der vorgestrigen Pressemitteilung mir nicht angebracht erscheint, so wirft er doch eine wichtige Frage auf: Welches Bildungsideal verfolgt unsere Universität eigentlich? Welche Art der Persönlichkeitsbildung soll und kann die Uni leisten?
Ich halte es für eine drängende Aufgabe der Universität sich in dieser Frage zu positionieren.
Wenn ich mir das Klima innerhalb der Studierendenschaft vor Augen führe, kommt es mir so vor, als ob Egoismus und Konkurrenzdenken auf dem Vormarsch sind. Das mag an ganz verschiedenen Faktoren liegen. Aber ich glaube, dass zumindest ein Grund dafür die völlig überladenen Bachelorstudiengänge sind.
Der permanente Leistungsdruck, dem viele Studis mittlerweile ausgesetzt sind, generiert für die Studierendenvertretung auf allen Ebenen außerdem ein ernsthaftes Nachwuchsproblem. Immer weniger Studierende haben Zeit und dann auch Lust sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Und manche, die sich gern stärker engagieren würden, müssen in ihrer wenigen Freizeit durch Jobben ihre Studiengebühren erwirtschaften. Mit dem entsprechenden Willen könnte die Universität an dieser Stelle durchaus gegenwirken. Warum nicht ECTS-Punkte für die Arbeit in der Studierendenvertretung einführen? Oder besser noch: für gesellschaftliches Engagement allgemein?
Während diese Fragen vorerst offen bleiben, hoffe ich, dass ich in den letzten Minuten wenigstens eine Sache herausstellen konnte:
Genauso wie die Umsetzung der Bologna-Idee vielerorts und auch hier in Freiburg - bis auf wenige Ausnahmen - eine Pervertierung des ursprünglichen Anspruchs darstellt, hat die Realität Freiburger Studierender nur auf höchst verzerrte Weise etwas mit dem Humboldtschen Bildungsideal gemein.
Vor dem Hintergrund der von mir gemachten Ausführungen dürfte es Sie daher wenig verwundern, dass ich zur Einschätzung gelangen muss: Humboldt würde sicher nicht in Freiburg studieren.
Vielen Dank.

